Die 1920er
Projekt: Sporthose
Schnitt: Der Bazar
Datierung: 15. September 1925
Stoffe: roter Cord, bedrucktes Tenugui
Eher zufällig bin ich über diesen Schnitt in «Der Bazar» gestolpert. Die Seite stellt eigentlich Kleider mit dazu passenden Mänteln vor (eine heutzutage leider völlig zu Unrecht in Vergessenheit geratene Koordinationsmöglichkeit

). Wie meistens schaute ich zuerst auf die angegebene Größe in der Beschreibung, weil die Schnittmuster nur in jeweils einer Größe auf dem Bogen zu finden sind, so verliebe ich mich nicht so einfach in Entwürfe, die mir sowieso nicht passen. Auf dieser Seite passend waren ein karierter Mantel mit entsprechendem Kleid (auf der Abbildung die beiden Modelle im Vordergrund. Das Titelbild habe ich nur dazu gelegt, weil es so schön farbig ist). Der Mantel ist sehr schlicht und das Kleid überzeugt mich auch nicht, aber dann wurde ich auf die Bildunterschrift aufmerksam, die ein «Sport-Beinkleid» erwähnt, das man zum aufknöpfbaren Rock tragen könnte. Ein Blick auf den Schnittmusterbogen zeigte, dass zu Mantel und Kleid tatsächlich noch eine Kniebundhose gehört, zu der ebenfalls der Schnitt vorhanden ist. Eine Frauenhose von 1925? Grandios, der Fall war klar, das wollte ich ausprobieren.
Letztes Jahr im Oktober habe ich in einem Trödelladen ein Stück tomatenroten Baumwollcord gefunden. Eigentlich schwebte mir zunächst etwas 70er-Jahre-haftes daraus vor, aber für dieses Projekt schien er mir ebenfalls passend (little did I know…

). Laut Schnitt hätte ich eigentlich ein wenig mehr Stoff benötigt, aber mit teilweise knappen Nahtzugaben, Belegen aus Kontraststoff und ein wenig Gestückel (an den Kniebünden) habe ich es so gerade geschafft. Für die Belege zerschnitt ich ein mit Kämmen und Haarschmuck bedrucktes Tenugui, das sind traditionelle japanische Handtücher aus dünner Baumwolle, von der Haptik irgendwas zwischen Musselin und Bettwäsche. Dieses hatte ich 2018 in Tokio gekauft und es diente lange als Wäscheklammersack, bis ich dann im April 2025 seinen Nachfolger nähte (den ich im
Stoffberg-Thread gezeigt habe). Das Tenugui konnte ich aber natürlich nicht entsorgen (für den Klammersack hatte ich nur Bänder an- und die Seiten zusammen genäht), also wanderte es verzogen und verfleckt wieder in mein Lager. Die roten Partien passten nun perfekt zum Cord und auch hier bekam ich mit zweimal stückeln alles aus dem Stoff, sowohl Cord als auch Tenugui sind restlos verbraucht!

Fotos vom Tenugui habe ich leider nicht mehr gemacht, daher hier die Details an der fertigen Hose:
Der Schnitt überraschte mich dann gleich noch einmal. Auf einer Vorderseite wollte er eine Eingrifftasche mitten auf dem Schnittteil (siehe oben, Schnittteil 1 ganz rechts). So etwas hatte ich tatsächlich noch nie gemacht und ausser dem Umriss gab es auch keine Erläuterung. Ich entschied mich für eine Tasche mit Klappe und mithilfe einer schönen Bilderanleitung kam sie tatsächlich ganz passabel raus, nach über 20 Jahren an der Nähmaschine mal wieder etwas neues gelernt.

Zunächst einmal habe ich nichts verändert. Exakt nach Anleitung sah das dann im April so aus, nur die Kniebünde hatte ich noch nicht beknöpft:
Man sieht einen eher weiten Taillenbund, dazu viel Puff an den Beinen.Was schon beim Schnitt auffällt: die sehr lange rückwärtige Mittelnaht. Die lässt auf sehr viel Platz auf der Rückseite schliessen. Klar, es soll ein «Sport-Beinkleid» sein, ohne elastisches Gewebe bleibt da nur viel Stoff zugeben, um Bewegungsfreiheit zu garantieren. Leider ging mit dem Siegeszug der elastischen Gewebe und dem Hochwandern der Schrittnaht die Akzeptanz der Gesellschaft für windelförmige Hosenschnitte bei Personen älter als zwei Jahre verloren. Als ich das erste Mal mit der fast fertigen Hose durch die Wohnung zum Spiegel wanderte, meinte mein Partner nur «Du willst aber schon ernst genommen werden, oder?». In der Tat musste ich einsehen, dass meine
Vorstellung und die
Wirkung im Spiegel etwas voneinander abwichen. Tomatenrot war vielleicht doch nicht die beste Wahl für so eine Hose. Schade, hätte ich auch vorher drauf kommen können.
Trotzdem unternahm ich den Versuch, zu retten, was zu retten ist, wobei es mich nun vier Monate gekostet hat, genügend Motivation dafür aufzubringen, um diesen auch abzuschliessen. Zunächst hiess das, Bund und Beleg in der hinteren Mitte öffnen, die Taillenweite anzupassen und dabei dann auch gleich aus der hinteren Mittelnaht soviel Weite wie möglich sowie etwas Höhe zu entfernen, um den Windeleffekt zu reduzieren. An der breitesten Stelle habe ich 11 cm Weite rausgenommen. Mehr Höhe herauszunehmen ging leider nicht, ohne die Hose noch weiter wieder auseinanderzunehmen, man sieht deutlich, dass es im Stehen immer noch zu viel Stoff hat, im Sitzen sitzt es dagegen super, weniger Höhe würde dazu führen, dass es am Bund zieht.
Eigentlich wollte ich die Kniemanschetten auch noch einmal abnehmen und die Beine ebenfalls kürzen, aber erstens saß die Hose durch die Anpassungen oben nun schon höher und ausserdem muss sie ja genug Länge haben, um darin knien zu können, durch die Kniebünde kann sie ja nicht hochrutschen. Das hatte sie in der ursprünglichen Länge genau, also ließ ich die Beine, wie sie waren und nähte endlich die Knöpfe und Knopflöcher an den Knien. Dort und auch am seitlichen Verschluss habe ich mich für dunkelbraune Lederknöpfe in drei Größen entschieden. Das schien mir nicht nur unerwartet passend, sondern bei diesem Stoff auch seriöser aussehend als rote Kunststoffknöpfe, außerdem hatte ich sie in passender Anzahl und komischen Grössen da und habe ich sonst eher wenig Freude oder Verwendungsmöglichkeiten für Lederknöpfe.
Tja, und nun? Ich schwanke zwischen die Hose einfach in den Müll bzw. die Kleidersammlung zu werfen oder das zugehörige Kleid zu nähen, damit ich zumindest eine Möglichkeit habe, dieses Ding zu tragen.

Oder schaffe ich es doch, sie zu mögen und als modemutiges Statement-Piece auszuführen? Denn kombiniert mit einer passenden Jacke, die über die Hüften reicht und die Proportionen etwas ausgleicht, finde ich sie eigentlich ganz lustig. Bitte entschuldigt mich, ich bin auf Fuchsjagd in Schottland.
Bin noch unentschlossen, aber immerhin ist sie jetzt fertig und fliegt nicht mehr als mahnendes Ufo in meinem Nähzimmer herum. Und das allerbeste: der Cord ist weg und verarbeitet, das heisst es fliegen nicht mehr überall in der Wohnung rote Fusseln herum.
Wer also näht, der weiß auch, wie man trennt.
Elizabeth Barrett-Browning
Der Mangel an "ß"s in meinen Posts ist auf die Schweizer Rechtschreibung sowie Tastaturbelegung zurückzuführen.