Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1900er, S.4

Zur Dokumentation von laufenden Projekten. Zeigt her in Wort und Bild, was ihr gerade näht oder bastelt.

Moderatoren: Boobs&Braces, Kuhfladen

Benutzeravatar
Constanze
Schutzheilige der Sechsecke
Pronomen: keine/sie
Beiträge: 5031
Registriert: 18. Jan 2007, 17:53

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1940er, S.3

Beitragvon Constanze » 27. Apr 2026, 21:33

Vielen lieben Dank für euer Feedback. Inzwischen hatte ich die Bluse sogar schon einmal an. Sie kratzt etwas an den Ärmelnähten und zwischen den Knöpfen auf der Brust brauche ich noch einen Druckknopf, aber sonst hat sie die Premiere gut überstanden.
Alice* hat geschrieben:
26. Apr 2026, 14:56
Passen dir die Schnitte eigentlich immer genauso wie sie in der Zeitschrift sind, oder machst du vorab noch Änderungen? Deine Sachen sitzen nämlich immer sooo schön perfekt ... :kicher:
Fake it 'til you make it 8-) Also ehrlich: Normalerweise verändere ich die Schnitte vorab nicht, weil ich eine möglichst unverbastelte Vorstellung vom Schnitt bekommen möchte, besonders bei historischen Schnitten ist mir das wichtig. Deshalb nähe ich auch meist Größen, die mir mehr oder weniger passen sollten und passe selten zu große Schnitte an meine Größe an. Es kommt schon vor, dass ich noch anpasse, meist schreibe ich das auch (bspw. beim Minirock in der ersten Staffel. Oder bei der 1930er Jahre Bluse habe ich für meine Verhältnisse massiv gebastelt, aber da wusste ich auch die Grösse nicht). Ich bin aber tatsächlich auch eine der Glücklichen, der bspw. Burda-Schnitte ohne Änderungen passen und auch bei vielen anderen habe ich selten schwerwiegendere Passformprobleme. Trotzdem sitzt nur wenig wirklich perfekt, meist stehe ich nur so, dass man das nicht sieht. :angel: Die Tartan-Jacke wirft beispielsweise meistens merkwürdige Falten im Rücken und die schwarze Patchwork-Bluse sitzt erst dann richtig gut wie auf den Fotos, wenn ich sehr aufrecht stehe und die Schultern nach hinten ziehe - nur dass ich das im Alltag quasi nie tue (Büro-Garnele). :lol:

Das nächste Projekt wird aber geändert werden müssen. Aktuell habe ich es in einem fast fertigen Zwischenstatus genau nach Schnitt und jetzt muss es doch ziemlich angepasst werden, damit es zumindest theoretisch tragbar wird. Als kleiner Teaser: zur Zeit fühle ich mich bei der Anprobe etwa so. :mrgreen:
Wer also näht, der weiß auch, wie man trennt.
Elizabeth Barrett-Browning

Der Mangel an "ß"s in meinen Posts ist auf die Schweizer Rechtschreibung sowie Tastaturbelegung zurückzuführen.

Benutzeravatar
Constanze
Schutzheilige der Sechsecke
Pronomen: keine/sie
Beiträge: 5031
Registriert: 18. Jan 2007, 17:53

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1930er, S.4

Beitragvon Constanze » 19. Jun 2026, 22:49

Die 1930er
Projekt: Kimonobluse
Schnitt: Beyer’s Mode für Alle, Schnittmusterbogen
Datierung: März 1939
Stoffe: Reststück bedruckte Kimonoseide


Ich mache mal weiter mit den «Sieht gar nicht aus wie 19X0er»-Projekten

Die 1920er haben grad eine Krise (nein, nicht so eine), weshalb ich nur schleppend voran komme und das Projekt seit Wochen prokrastiniere. Also habe ich etwas anderes gesucht, um mich abzulenken oder zumindest irgendwie mal wieder etwas Vorzeig- und Tragbares zu produzieren. Angesichts der Tatsache, dass ich in den letzten Monaten eine herbe Niederlage gegen den Stoffberg einstecken musste ( :oops: ), wäre auch genug neues Material da, um aus dem Vollen zu schöpfen (eigentlich wollte ich nur einen Stoff bestellen, aber dann guckten mich noch ein anderer im Katalog und einige Reste vor Ort so lieb an und dann waren da noch andere hübsche Reste in dem anderen Laden und der Trödelladen hatte da auch noch so 3 m Wollstoff und zack … 18 m Zuwachs :shock: ).



Lustigerweise habe ich aber zu einem gut abgehangenem Stöffchen gegriffen, doch von vorne: Auf der Suche nach einem schnellen Projekt fand ich in Beyer’s Mode ein hübsches Kostüm - das Kostüm war natürlich kein schnelles Projekt, aber dazu gab es einen Schnitt für eine einfache «Kimonobluse». Die ist so einfach, dass es nicht einmal eine richtige Abbildung dazu gibt, gerader Schnitt, angeschnittene, aber recht kurze Ärmel (die wohl namensgebend waren, auch wenn sie quasi nicht existent sind), Brustabnäher, Schlitz im Nacken als Verschluss. Zwei einfache Schnittteile, vier Nähte plus Säume – ich trau mich fast nicht, das als Kleidungsprojekt hier zu posten. Mal sehen, was mir sonst noch aus diesem Jahrzehnt unter die Nadel wandert, vielleicht schiebe ich diese Bluse rüber zum Kleinkram. :lol:

Einfacher Schnitt und wenig Stoffverbrauch - das schrie nach einem der Kimono-Stoffreste, die ich 2017 aus Japan mitgebracht bekommen hatte. Traditionelle Kimonos werden aus ca. 36 cm breiten Stoffbahnen genäht und die Stoffballen sind in der Regel so lang, dass sie für einen Kimono ausreichen. Nun sind nicht alle Menschen gleich gross und je nach Anlass sind auch die Ärmel mehr oder weniger weit, also bleibt mal mehr, mal weniger Stoff übrig - jedenfalls verkaufte eine Schneiderei die Reste für wenig Geld und ich bekam einige davon als Mitbringsel. Wenn die:der unbekannte Schneider:in wüsste, dass sie jetzt zur westlichen Vorstellung einer kimonohaften Bluse zurückfinden. :oops:

Von dieser bedruckten Seide hatte ich gerade ausreichend für die Bluse inklusive Berücksichtigung des Rapports - perfekt! Naturgemäss hat sie nun wegen des nur 36 cm breiten Stoffes eine Naht in der vorderen und hinteren Mitte, das macht dafür den Schlitz auf der Rückseite einfacher zu nähen. Dank ordentlichen Absteckens sieht man von den Nähten quasi nichts, weil sie genau auf einer der Linien im Muster liegen.



Der Rest ist schnell erzählt: Französische Nähte, schmale Ärmelsäume und breiteren Saum per Hand genäht, für den Halsausschnitt habe ich aus den Resten noch Belege zugeschnitten, ebenso die Schlaufe für den Knopf.

Der Halsausschnitt ist recht eng anliegend und das Oberteil ganz leicht kürzer als erwartet. Ich befürchte, es könnte eine Länge sein, die zum Herausrutschen neigt, obwohl der Schnitt ja für das Im-Rock-Tragen gemacht sein sollte. Aber erst einmal eine Weile Tragen, vielleicht geht es ja doch und sonst kann ich den Saum noch anpassen. Die Seide ist unerwartet hart und kratzig, ich hoffe, auch das gibt sich mit dem Tragen oder nach dem Waschen (da es Seide ist, habe ich den Stoff nicht vorgewaschen).

Wie oben kann man es gut tragen, der «Originallook» eingesteckt gefällt mir aber auch ganz gut (jedenfalls sehr viel besser, als mein Blick es vermuten lässt):



(hui, meine Handykamera hat offenbar massive Probleme mit den orangen Wölkchen)
Wer also näht, der weiß auch, wie man trennt.
Elizabeth Barrett-Browning

Der Mangel an "ß"s in meinen Posts ist auf die Schweizer Rechtschreibung sowie Tastaturbelegung zurückzuführen.

Benutzeravatar
Talia
Forumaddict
Forumaddict
Pronomen: sie/ihr
Beiträge: 2404
Registriert: 27. Apr 2011, 18:05

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1930er, S.4

Beitragvon Talia » 20. Jun 2026, 11:42

wie? da sind Nähte vorne und hinten in der Mitte? bist du sicher? :gruebel: :lol: Da sieht man aber so gar nichts von.
Auf jeden Fall sehr schick, auch wenn mir das zu eng am Hals wäre. Ist das so passiert oder war das so vorgesehen, weil man das zu der Zeit so getragen hat? (kanns auf dem Katalogfoto nicht ganz erkennen)

Ich hoffe, es neigt weniger zum Rausrutschen als befürchtet *Daumen drück*

Benutzeravatar
Morathi
Forumaddict
Forumaddict
Beiträge: 2348
Registriert: 9. Sep 2003, 18:56

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1930er, S.4

Beitragvon Morathi » 20. Jun 2026, 13:17

Das sieht wieder sehr schick aus! Ich mag den Stoff sehr, das war mal wieder eine ausgezeichnete Wahl :yes: Und Respekt für die unsichtbaren Nähte! Mir wär´s am Hals auch ein bisschen zu eng und ich hätte vielleicht einen Mini-Stehkragen dazu geschummelt, auch wenn das vermutlich gar nicht in die Zeit passt :mrgreen:
it takes courage to grow up and become who you truly are [e. e. cummings]

ravelry und pinterest

Benutzeravatar
Constanze
Schutzheilige der Sechsecke
Pronomen: keine/sie
Beiträge: 5031
Registriert: 18. Jan 2007, 17:53

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1930er, S.4

Beitragvon Constanze » 20. Jun 2026, 14:19

Vielen Dank euch beiden. Ich seh schon, ich muss ein Foto von den Nähten machen, sonst glaub man mir nicht. :P
Talia hat geschrieben:
20. Jun 2026, 11:42
Auf jeden Fall sehr schick, auch wenn mir das zu eng am Hals wäre. Ist das so passiert oder war das so vorgesehen, weil man das zu der Zeit so getragen hat? (kanns auf dem Katalogfoto nicht ganz erkennen)
Also es ist so, wie der Schnitt es vorsieht, geändert habe ich den Haldausschnitt nicht. Wenn ich so darüber nachdenke…auch die (kragenlose) 1940er Bluse auf S. 3 und die (kragenlose) 1930er Bluse aus dem letzten Wip sitzen eher eng am Hals. Bei letzterer habe ich allerdings am Ausschnitt gepfuscht (der stand hinten ab und brauchte entsprechend Abnäher), trotzdem scheint es schon gewollt, dass sie recht eng schliesst gemäss Zeichnung. Und auch die 1940er Bluse aus dem letzten WiP schliesst dafür, dass sie einen eckigen Ausschnitt hat, recht hoch. Die spanische Bluse von 2024 aus dem letzten WiP aber auch.

Kurz: Wahrscheinlich ist es nicht zu steil zu verallgmeinern, dass man (abgesehen von Bade- und Abendmode) eher hochgeschlossen trug in der Zeit. Aber trotzdem müsste man sich ja nicht erwürgen und es passiert mir auch bei neueren Schnitten, vielleicht habe ich also auch einfach einen dicken Hals :shrug: :P

Ich schau mal, wie es sich anfühlt, wenn der Stoff etwas weicher ist. Und sonst kann ich den Beleg ja einfach noch einmal etwas weiter draussen abnähen.
Morathi hat geschrieben: Mir wär´s am Hals auch ein bisschen zu eng und ich hätte vielleicht einen Mini-Stehkragen dazu geschummelt, auch wenn das vermutlich gar nicht in die Zeit passt :mrgreen:
Mh, optisch interessante Idee, wobei ich Stehkrägen nicht so gerne habe, dann lieber ein Umlegekragen, aber das hätte hier nicht gepasst.
Wer also näht, der weiß auch, wie man trennt.
Elizabeth Barrett-Browning

Der Mangel an "ß"s in meinen Posts ist auf die Schweizer Rechtschreibung sowie Tastaturbelegung zurückzuführen.

Benutzeravatar
Thalliana
Forumaddict
Forumaddict
Pronomen: sie/ihr
Beiträge: 4487
Registriert: 27. Apr 2010, 19:13

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1930er, S.4

Beitragvon Thalliana » 22. Jun 2026, 08:08

Also ich sehe da auch keine Naht in der Mitte, Respekt :up: . Und das auch noch mit französischen Nähten, ich bin sehr beeindruckt. Insgesamt finde ich die Bluse schick, sie steht dir hervorragend und ich drücke die Daumen, dass der Stoff noch weicher wird. Alle schwärmen immer davon wie weich und angenehm Seide ist, aber ich empfinde sie tatsächlich auch oft als kratzig, dachte schon, ich bin der einzige Mensch auf der Welt, dem es so geht :lol: .
Gemüse schmeckt am besten, wenn man es kurz vor dem Verzehr durch ein Schnitzel ersetzt!
Mein Jahres-WIP 2022

Matthias78533
Pronomen: er
Beiträge: 1
Registriert: 24. Jun 2026, 15:16

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1930er, S.4

Beitragvon Matthias78533 » 24. Jun 2026, 15:18

Mit der Seide bist du definitiv nicht allein. Ich hatte mal ein Seidenhemd, von dem alle geschwärmt haben, und ich fand es auf der Haut anfangs eher ungewohnt als besonders weich. Nach einigen Wäschen wurde es aber tatsächlich angenehmer. Und was die Bluse angeht: Wenn man die Naht erst suchen muss, ist das meistens ein sehr gutes Zeichen. Die Arbeit hat sich offensichtlich gelohnt. Wer sich auch für feine Handwerkskunst im Bereich von Schmuck und Accessoires interessiert, findet schöne Inspirationen bei ausgewählten Metallarbeiten und Designstücken.
Zuletzt geändert von Matthias78533 am 29. Jun 2026, 15:11, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
deepdarksin
Forumaddict
Forumaddict
Pronomen: sie/ihr
Beiträge: 5476
Registriert: 12. Mär 2008, 18:42

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1930er, S.4

Beitragvon deepdarksin » 25. Jun 2026, 21:11

Sieht richtig gut aus. Stoff und Schnitt harmonieren sehr schön.
Auf die Liebe, die Freude, das Leben heben wir an,
um Hass, Neiden und Zagen für heut aus dem Herzen zu bannen!

Ravelry

Benutzeravatar
Frau mit Hut
Forumaddict
Forumaddict
Beiträge: 3695
Registriert: 23. Feb 2012, 23:01

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1930er, S.4

Beitragvon Frau mit Hut » 27. Jun 2026, 18:47

Wahnsinn, wie toll und elegant so ein vergleichsweise simpler Schnitt aussehen kann! Aber Dir steht ja eh alles :mrgreen:
Ich bin auch zutiefst beeindruckt von der Sorgfalt mit der Du den Druck für die unsichtbaren Teilungsnähte abgesteckt hast. Große Klasse! :up:

Benutzeravatar
Constanze
Schutzheilige der Sechsecke
Pronomen: keine/sie
Beiträge: 5031
Registriert: 18. Jan 2007, 17:53

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1900er, S.4

Beitragvon Constanze » 12. Jul 2026, 15:41

Die 1900er
Projekt: (Nacht-)Hemd für Knaben
Schnitt: Häuslicher Ratgeber
Datierung: 1907
Stoffe: gelb-blau karierter Hemdenstoff, Baumwolle


Ein Projekt aus zwei Neuzugängen, Stoff und Schnitt. Der Stoff ist aus meinem Kaufrausch vom Frühling, ein knapp 2 m Reststück eines dünnen, karierten Baumwollstoffs ohne Stand, fast wie dünner Flanell. Den Schnitt fand ich gemeinsam mit einem kleinen Stapel Schnittmustern und Handarbeitsbeilagen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in einem Antiquitätenladen in der Berner Altstadt. Normalerweise findet man ja eher die Hefte ohne die Beilagen, hier war es genau umgekehrt. Also machte ich mich online auf die Suche nach zu den Schnittmustern passenden Heften. Die modischen und grösseren Magazine wie bspw. La mode illustrée sind inzwischen auch über manche Bibliotheken digital zu finden, diese Schnitte waren aber aus verschiedenen Zeitschriften, die ich alle nicht digital fand. Aber tatsächlich bot auf einer Bücherverkaufsplattform ein privater Verkäufer in Österreich einen Jahrgang des «Häuslichen Ratgebers» an, von dem ich zwei Schnittmusterbögen hatte, zwar die österreichische Ausgabe, aber zumindest was die Handarbeiten angeht, scheint sie passend zu meinen Beilagen. Und wie es der Zufall wollte, war ich gerade im Urlaub in der Nähe und der Verkäufer wohnte direkt auf dem Weg, also sparte ich mir auch noch das Porto für das schwere Ding. So kann ich euch sogar die Grafik zum Projekt zeigen.



Bevor ich die Zeitschrift hatte, konnte ich mir unter einigen der komplexeren Schnitte nur anhand der Schnittteile wenig vorstellen, aber ein einfaches Hemd sollte wohl hinzubekommen sein. Die Benennung ist etwas uneinheitlich, mal ist es ein Nachthemd, mal ein Hemd, gemeinsam mit einer langen Unterhose wird es als «Wäsche für Knaben von 14 bis 16 Jahren» bezeichnet. Für diese Zeit ist das aber nicht weiter verwunderlich, dass man die Leibwäsche auch nachts trägt, tagsüber wird das Hemd dann mit gestärktem Kragen, Hemdbrust etc. ergänzt, wie sie auch auf der Zeichnung abgebildet sind. Ich dachte, aus dem Stoff könnte es ein bequemes Alltagshemd werden.

Erst hatte ich überlegt, das Hemd direkt zu kürzen, 95 cm Rückenlänge ist doch etwas unpraktisch in engeren Hosen. Aber schliesslich habe ich es doch in Originallänge gemacht, um auszuprobieren, ob es vielleicht als Kleid funktioniert. Wenn ich es doch lieber als Bluse tragen würde, könnte ich immer noch kürzen. Lustig finde ich, dass die Beschreibung behauptet «Vorder- und Rückenteile des Hemdes sind faltenlos gehalten und nur mit gesteppter Knopfleiste versehen.» Technisch mag das stimmen, aber irgendwie würde ich dann ein sehr glattes Hemd erwarten, nicht, dass das Rückenteil an der Passe fast auf die Hälfte eingekräuselt wird. Weil der Stoff so weich ist, hat es sich leider etwas verschoben, aber nachdem ich leider doppelt abgesteppt hatte, wollte ich es nicht noch einmal auftrennen.

An der Vorderseite musste ich noch lernen, wie man einen angeschnittenen halben Schlitzverschluss macht, war aber dann gar keine Zauberei. Schlimmer war, dass mein Nähzimmer auch ohne Bügeleisen schon warm genug ist, was nicht direkt das Nähen verkompliziert, aber das Drumherum. Daher meine Wie-bügel-ich-zweimal-umgeschlagene-Knopfleisten-ohne-das-Bügeleisen-benutzen-zu-müssen-Lösung:



Je mehr sich das Hemd der Fertigstellung näherte, desto weniger schien es mir als Hemd tauglich oder gar als Kleid, es wirkte einfach wie ein Nachthemd, die weiche Lappigkeit des Stoffes und das Muster trugen sicher ihren Teil dazu bei, klassischer Constanze-Stoffauswahl-Fail. Aber es kommen – neben der unsauberen Einreihung am Rücken – noch zwei Passformprobleme dazu: Erstens ist der Kragen zu eng, um ihn zu schließen. Offenbar habe ich die Schulterbreite eines 14-jährigen, aber einen dickeren Hals. :roar: Nur das Schnittteil ging noch knapp zu, weshalb ich es nicht geändert hatte, aber angenäht reichte es dann nicht mehr. Das zweite ist gröberer Natur: Wegen der eingekräuselten Mehrweite hinten und den sekundären Geschlechtsmerkmalen am Oberkörper einer Frau, die ein 14-jähriger Junge nicht hat, hängt die Seitennaht nicht gerade, sondern zieht Richtung Saum deutlich nach vorne.



Damit war die Sache klar, dieses 1900er-Projekt wird – wie auch schon das Luftbadehemd in der 1. Staffel – das Haus nicht verlassen. Entsprechend liess ich die Länge, wie sie war, schloss die Seitennähte aber nicht ganz und rundete den Saum an den Seiten ab (die Anleitung sagte nichts dazu, wie der Saum zu arbeiten sei). Leider hatten sämtliche gelben oder grünen Knöpfe einen falschen Farbton, weshalb ich diese etwas angeschlagenen blauen verwendet habe. Den Schlitzverschluss habe ich mit den zwei Knöpfen so zugenäht, dass ich bequem reinschlüpfen und den Kragen umlegen kann (sonst stört er mich wohl zu sehr), zwei Knopflöcher gespart, nur für die Ärmel brauchte ich dann doch jeweils eines.

Aus Temperaturgründen fürs Foto nicht mehr gebügelt, sonst würde der Saum sicher schöner fallen. Und nicht an mir, weil ich nicht im Nachthemd im Netz stehen will. Aber dafür einmal so gefaltet wie in der Vorlage.



Kleine Fußnote: Einfarbige Schnittmusterbögen sind ja sowieso schon eine Klasse für sich, aber hier haben sich die Gestalter wirklich keine Mühe gegeben. Vorder- und Rückseite waren ein Schnittteil mit abweichenden Umrissen in der oberen Körperhälfte (siehe Schema oben, Schnittteil 47). Hier seht ihr den Bereich der Ärmelnaht auf dem Bogen, gepunktete Linie (links oben lest ihr «Ärmelausschnitt Fig. 47» und rechts unten neben der Falte im Papier sehr ihr die beiden Linie für den vorderen und hinteren Armausschnitt («Vordere Achsel Fig. 47»). Nun versucht mal, den Linien zu folgen, besonders die Schulterlinie am Vorderteil ist quasi nicht sichtbar. (verläuft oberhalb von dem Schriftzug «Fig. 20», man sieht links und recht vom Schriftzug so einzelne Punkte) Bei einem komplexeren Kleidungsstück wäre der Schnitt kaum brauchbar gewesen.

Wer also näht, der weiß auch, wie man trennt.
Elizabeth Barrett-Browning

Der Mangel an "ß"s in meinen Posts ist auf die Schweizer Rechtschreibung sowie Tastaturbelegung zurückzuführen.

Benutzeravatar
Sisu
Forumaddict
Forumaddict
Beiträge: 2043
Registriert: 19. Jan 2010, 10:34

Re: Nähen durch die Jahrzehnte - Die 1900er, S.4

Beitragvon Sisu » 12. Jul 2026, 17:20

Schade, dass die Naht nach vorne zieht!
Vielleicht wäre es mit einem breiten Gürtel und vielleicht einem Vokuhila-Saum als Kleid tragbar. Der Stoff gefällt mir gut und ja, die glatte Vorderseite gefällt mir besser, als die doch etwas nachthemdartige Rückseite.
Always remember, you are braver than you believe, stronger than you seem, and smarter than you think.


Zurück zu „Work in Progress“

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Semrush [Bot], wuselwesen und 4 Gäste