Spitze mit unsichtbaren Nähten verarbeiten

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Buchstabensalat
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Spitze mit unsichtbaren Nähten verarbeiten

Beitrag von Buchstabensalat »

Auf Wunsch hin kommt hier meine Anleitung für eine spezielle Technik, um Spitze zu verarbeiten. Aber Achtung! Die Technik funktioniert nicht bei jeder Spitze!
Bei dieser Art von Spitze geht es am besten. Bei anderen müsste man es testen. Wichtig ist, dass die Spitze nicht zum Aufribbeln neigt. Elastan ist auch eher hinderlich. Aber hey, mit genügend Geduld und Sorgfalt sollte selbst das machbar sein, es kommt also immer auf einen Versuch drauf an. Für das erste Mal empfehle ich aber dringend die oben verlinkte Spitzenart. Ich kenne sie unter der Bezeichnung Makramee-Spitze, das war aber nur ein schulinterner Begriff, der richtige Fachbegriff ist leider nie gefallen.

Wofür braucht man diese Technik?
Mithilfe dieser Technik kann man Spitze verabeiten, ohne das man die Nahtzugaben nachher durchsieht. Tatsächlich sieht man gar keine Nahtzugaben mehr, und auch die Nähte sind so gut wie unsichtbar (je nach Sorgfalt in der Ausführung natürlich).

Was ist der Haken?
Tja, der Haken ist, dass es komplett von Hand genäht wird. Es ist eine zeitintensive, handarbeitslastige Technik, die viel Geduld erfordert. Aber nur keine Angst, kompliziert ist es nicht besonders. Es dauert bloß.^^

Ist diese Technik für Anfänger geeignet?
Eher nicht. In einer klassischen Ausbildung ist sie für das letzte Lehrjahr vorgesehen, und das hat durchaus Gründe. Spitze ist kein einfach zu verarbeitendes Material, einem blutigen Anfänger würde ich sie nicht empfehlen, egal mit welcher Technik. Man braucht eine gewisse Routine beim Handnähen, andererseits erwirbt man sich mit dieser Technik genau diese.^^ Eine gewisse Grundfertigkeit beim Nähen sollte man also haben, aber wer mutig und geduldig ist, kann sich problemlos hier rantrauen. Für alte Hasen gilt das sowieso.

Was brauche ich?
Du brauchst eine entsprechende Spitze, farblich darauf abgestimmtes Garn, eine Handnähnadel, eine gute Schere, und ein farblich kontrastierendes Garn, bzw Reihgarn zum Markieren. Und natürlich einen Schnitt. Der Einfachheit halber orientiert sich diese Anleitung an einem geraden Top ohne Abnäher, das nur Seiten- und Schulternähte hat. Kompliziertere Schnitte und Abnäher sind aber möglich, die Ausführung ist dann genau die gleiche.

Und los gehts:

Schritt 1: Du brauchst einen Schnitt, der sicher passt. Anproben sind nämlich schwierig. Gehen, sind aber schwierig. Und er sollte keine Nahtzugabe enthalten. Wird sonst kompliziert.

Schritt 2: Du legst den Schnitt auf die Spitze. Der Saum ist ja wahrscheinlich die Bogenkante, also kannst du die Teile ja quasi gegenüberlegen. So weit so offensichtlich, bis hierhin unterscheidet sich das nicht groß von anderen Techniken.

Schritt 3: Das ist jetzt der wichtige Teil. Du gibst an jeder Naht jeweils 2,5 bis 3 cm Nahtzugabe. Das muss wirklich so viel. Je größer das Muster der Spitze, desto mehr Nahtzugabe.

Schritt 4: Bevor du zuschneidest, oder aber auf jeden Fall bevor du den Schnitt runternimmst, musst du dir die spätere Nählinie, also da, wo der Schnitt aufhört, mit einem Heftfaden markieren. Muss kein Reihgarn sein, da tut es jeder Faden, der sich farblich gut abhebt. Einfach mit großen Vorstichen die Naht markieren. Das ist wichtig bei dieser Technik.

Schritt 5: Wenn du zugeschnitten hast, legst du die Schnittteile an den Nähten jeweils überlappend übereinander, sodass die markierten Nähte genau übereinander liegen. Also nicht rechts auf rechts oder links auf links, sondern links auf rechts. So, wie das fertige Teil nachher sein soll. Beim Überlappen ist es im Grunde egal, welche Seite oben liegt, ich persönlich lege immer das Vorderteil auf das Rückteil.

Schritt 6: Wenn du das hast, schnappst du dir wieder deinen bunten Faden und heftest die Nähte jeweils genau auf der Markierung zusammen. Abgesehen davon, dass die Nahtzugaben jetzt lustig rumflappen, sollte das Teil jetzt so sein wie fertig. An dieser Stelle wäre auch eine Anprobe möglich.

Schritt 7: Angenommen, das Teil passt, kommt jetzt der spaßige Part. Du siehst dir die oben liegende Nahtzugabe an und schneidest die am Muster entlang ein Stück zurück. Wichtig ist das am Muster entlang. Ziel des ganzen ist, sie so zurechtzuschneiden, dass sie genau auf das Muster des Stoffs darunter passt. Also, genau ist zwar das Ziel, aber meistens passt es nur so halbwegs. Egal, es geht darum, dass die Nahtzugabe optisch mit dem Muster der darunterliegenden Spitze verschmilzt. Ich hoffe, man versteht ungefähr was ich sagen will?

Schritt 8: Ist das geschafft, kommt die Handarbeit. Du brauchst Garn, das möglichst genau die Farbe der Spitze hat. Und zwar nähst du jetzt um die äußere Kante der zurechgeschnitten Nahtzugabe herum. Du umschlingst die quasi mit deinen Stichen, während du sie am unteren Stoff festnähst. Auf die Art fixierst du die Spitze genau da, wo du sie haben willst. Man kann auch ein kleines bisschen schieben und ziehen, damit das Muster besser passt. Durch das Umschlingen kannst du auch Stellen sichern, wo die Spitze droht auszufransen.

Schritt 9: Damit wäre die Hauptarbeit erledigt. Jetzt sollte zumindest von außen kaum noch eine Naht sichtbar sein. Jetzt kannst du die ganzen Heft- und Markierfäden entfernen. Die Nahtzugabe von innen kannst du auch ein bisschen zurückschneiden, aber du solltest sie nicht zu kurz machen. 1,5-2cm dürfen die sich ruhig überlappen. Du kannst sie auch am Muster entlang zurückschneiden und ebenfalls mit umschlingenden Stichen befestigen, aber du musst dabei nicht ganz so sorgfältig sein wie auf der Oberseite. Musst nicht, kannst aber.^^

Schritt 10: Damit ist das Teil im Grunde fertig. Wenn du Kanten hast wie zb Halsausschnitt und Armlöcher, die nicht Bogenkante sind, gibt es da mehrere Möglichkeiten:
- Ich fasse meine meist mit schmalem Schrägband ein, man kann sie aber auch
- mit übrig gebliebender Bogenkante besetzen,
- sie einfach mit der Overlock abketteln (wobei das eine Schande wäre, so schöne Nähte und dann so lieblose Kanten :wink: )
- oder natürlich sie ebenfalls mustermäßig ausschneiden und ggf mit der Hand umschlingen. Das wäre dann der Overkill an Handarbeit, geht aber nicht mit jedem Muster, weil die Kanten eventuell zu unregelmäßig und ausgefranst werden.

Und so funktioniert das. Eigentlich recht simpel, nur zeitaufwendig. Sollte jemand Fragen haben, fragt :)
Und wenn jemand die Technik ausprobiert, freue ich mich sehr über Rückmeldungen. :)
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naehme
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Re: Spitze mit unsichtbaren Nähten verarbeiten

Beitrag von naehme »

Danke fürs teilen!

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Chrysa
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Re: Spitze mit unsichtbaren Nähten verarbeiten

Beitrag von Chrysa »

Vielen Dank, dass ist eine tolle Anleitung!

Ich hatte erst nicht verstanden wie man den zugeschnittenen Stoff aufeinander legt - so wie ich es jetzt ausgeknobelt habe ist das Ziel, dass die eine Nahtzugabe innen liegt und die andere außen. Die äußere wird mustergrecht zugeschnitten. Oder?
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Buchstabensalat
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Re: Spitze mit unsichtbaren Nähten verarbeiten

Beitrag von Buchstabensalat »

Ganz genau. Damit liegen die Stoffe dann flach aufeinander und man hat nicht diese nach innen wegstehenden Nahtzugaben wie üblich.
Die innere Nahtzugabe kann man später auch noch mustermäßig zurückschneiden, wenn man noch Geduld übrig hat.^^
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Re: Spitze mit unsichtbaren Nähten verarbeiten

Beitrag von Chrysa »

Klingt sehr aufwendig.

Und ist bestimmt frustrierend wenn man die Spitze falsch eingeschätzt hat... wenn die Naht nicht hält und ausfranst oder so :shock:

Doch wenn alles geklappt hat, bestimmt ein umwerfendes Ergebnis. Besonders wenn man sich dann noch an die innere Nahtzugabe gewagt hat :angel:
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